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von Brigitte Pircher
Das Holz im lodernden Feuer knistert und gibt
Wärme ab. Leonor beugt sich hinab und breitet
auf dem Erdboden ein buntes Tuch aus, stellt
drei Flaschen Bier und vier Trinkgläser drauf,
in der Mitte verteilt sie Coca-Blätter. Ich
verstecke meinen Kopf in der Kapuze meiner
Daunenjacke und grabe die Hände noch tiefer in
die Jackentaschen. Es ist kurz nach 6.oo Uhr,
ein kühler Windhauch bläst an uns vorbei. Ich
stehe vor dem „Opfertisch“ und schaue unserer
Köchin, der Frau aus dem Stamme der Aymara, die
uns seit Beginn unserer Reise begleitet, zu.
Auch sie hat sich eine Mütze über den Kopf
gezogen, eine Mütze mit bunten Streifen.
Freundlich blicken ihre großen, braunen Augen in
die Runde. Zu fünft bilden wir einen Kreis um
die vorbereiteten Opfergaben. Leonor trägt einen
dicken Wollpullover und darüber eine hellbraune
Fransendecke, ihr Rock besteht aus einem weißen,
dicken Stoff, darunter lugen Strümpfe hervor,
rote Socken und abgetragene Halbschuhe. Leonor
spricht ein kurzes Gebet in ihrer Sprache, wir
tun es ihr gleich, in unserer Sprache. Sie kniet
nieder und streut in jedes Glas Coca-Blätter,
gleichzeitig bittet sie jeweils einen Berg und
damit den darin lebenden Geist darum, uns
aufzunehmen und uns zu beschützen. Beim letzten
Glas bittet sie um Gesundheit für ihre Lieben.
Jeder von uns kniet ebenso nieder und spricht
still seine Wünsche in den Wind. Leonor schenkt
in jedes Glas Bier ein. Danach stehen wir auf,
treten nacheinander vor und schütten das Glas
aus. Dann nimmt Leonor ein Päckchen zur Hand, in
dem sich Geldscheine aus Papier, Süßigkeiten und
Krimskrams befinden. Sie gibt es in das lodernde
Feuer. Jeder trinkt ein paar Schlucke Bier. Der
erste Schluck gehört aber nicht uns, sondern
Mutter Erde. „Pachamama“ kenne ich bereits, und
meine Kollegen ebenso: Jeder schüttet einen
Schluck auf den Boden, denn der Mutter Erde, „Pachamama“,
muss geopfert werden, wenn sie segnen,
beschützen und Fruchtbares hervorbringen soll.
Wir drücken uns
die Hand und wünschen uns alles Gute. An diesem
Morgen hätten wir gut getan, auf den Sajama zu
steigen, auf den heiligen Berg, dem höchsten
Boliviens. Wir hätten dem 6.520m hohen Vulkan
nicht die Seele gestohlen wie Diebe, sondern
angeklopft und um Einlass gebeten, wie man es
vor fremden Haustüren macht. An diesem Tag aber
entscheiden wir – eine 19-köpfige
Bergsteigergruppe aus dem Vinschgau – anders.
Müde von der anstrengenden Bergtour am Tag davor
wollen wir weiter fahren, zum Salzsee, dem Salar
de Uyuni. Die letzten Tage unserer dreiwöchigen
Bergtour sind angebrochen. „Wir“ sind allesamt
Mitglieder der „Soalschoft“ und sind als solche
nach Bolivien gekommen, um auf Berge zu steigen
und Land
und Leute kennen zu lernen. Die „Soalschoft“ ist
ein Vinschger Verein von Menschen, die
begeistert sind vom Bergsteigen. Größere Touren
stehen jedes Jahr im Sommer an. 2008 ging’s nach
Bolivien, wo wir das Heimatdorf Leonors,
Titijoni, besuchten. Am 16. Juli sind wir von La
Paz aus über den Titicacasee nach Titijoni
gefahren. Titijoni liegt im Westen Boliviens auf
3.700m. Adolfo, unser Chauffeur, bringt uns in
seinem Bus, Baujahr 1968, sicher über holprige,
ungeteerte Straßen bis vor das Bergdorf. In der
Dämmerung beginnt unser Fußweg. Zuerst geht es
über geschlungene Wege abwärts, dann wieder
aufwärts. Die Landschaft scheint endlos weit.
Plötzlich sind uns kleine Buben dicht auf den
Fersen. Sie überholen uns und gestikulieren
wild, dann schlagen sie einen anderen Weg ein.
Wir folgen ihnen. Nach über einer Stunde sehen
wir Lichter aus der Ferne: die Einwohner von
Titijoni erwarten uns bereits. Müde und
verschwitzt legen wir das Gepäck ab. In der
Schule hat man alles für uns vorbereitet:
Matratzen zum Schlafen und das Abendessen. Bevor
gegessen wird, werden wir anständig empfangen:
Der „Gemeinderat“ heißt uns willkommen und
schließt jeden einzelnen von uns in die Arme.
Die Gemüsesuppe ist würzig, ich finde sogar ein
Stück Fleisch. Anschließend gibt es Reis mit
Gemüse und Kartoffeln. Am nächsten Morgen
endlich Licht: Die kleinen Lehmhütten haben
dieselbe Farbe wie das Land, wie die Erde, wie
die weite Berglandschaft. Das Dorf ist etwas
steil, ähnlich unseren Dörfern. Überall Erde,
Lehmhütten, da ein Esel, ein paar Schafe, dort
ein Schwein… der kleine Sportplatz bestimmt das
Bild des Dorfzentrums maßgeblich. Gebaut wurde
er vor einigen Jahren mit den Spendengeldern des
FC Braulyo Prad. Ein breiter Weg führt am
Sportplatz vorbei weiter auf den Berg hinauf.
Ein Bächlein rinnt munter hinunter. Die
Landschaft ist weit und erstrahlt im Sonnenlicht
in verschiedensten Brauntönen. Titijoni hat etwa
150 Einwohner. Die „Soalschofter“ waren im Jahr
2003 das erste Mal in diesem Dorf – damals sahen
die Einheimischen zum ersten Mal fremde Menschen
– prompt veranstalteten sie ein Fest, um ihre
Gäste zu begrüßen. Seither unterstützt der
Vinschger Verein in Zusammenarbeit mit der
Südtiroler Landesregierung Entwicklungsprojekte
in Titijoni und in anderen Bergdörfern in der
Region. Das Kinderzentrum, bestehend aus einem
Raum für den Kindergarten, einen Raum für die
Schule, einem Spielplatz im Innenhof, einem
Ausspeisungsraum und einem Klo, konnte dadurch
finanziert werden. Auch kleine Vorrichtungen für
WC und Dusche können wir bestaunen. Am ersten
Tag in Titijoni wird der Sportplatz zum
Festplatz umfunktioniert. Die Männer tanzen für
uns, die Kinder tanzen und singen, die Frauen
hängen jedem von uns einen liebevoll gebundenen
Blumenkranz um. Auch wir wollen uns erkenntlich
zeigen und singen mehr oder weniger gut „La
montanara“. Dann überreichen wir den Kindern
Rucksäcke voller Spielsachen und Plüschtiere.
Ich sehe leuchtende Kinderaugen, aber auch
verwirrte, manche füllen sich mit Tränen. Den
Frauen schenken wir Näh- und Nudelmaschinen.
Sofort wird ausprobiert, wie maschinell genäht
werden kann. Zwei Esel warten in der Wiese neben
dem Fußballplatz darauf, losgebunden zu werden.
Wir holen sie her und losen drei Familien aus,
die die Esel mit nach Hause nehmen dürfen. Die
„Originalen Schleiser“ haben diese Esel
finanziert. Die Frauen bringen ein großes buntes
Tuch und präsentieren uns ihre Produkte:
Bananen, verschiedene Kartoffelsorten, Getreide,
Karotten, Kohlrabi und Ähnliches leuchten uns in
allen Farben entgegen. Vor einigen Jahren waren
diese Gemüsesorten im Dorf unbekannt und die
Ernährung dementsprechend eintönig.
Entwicklungsarbeit ist im altiplano, dem
bolivianischen Hochland, nach wie vor notwendig.
Eine wichtige Rolle bei der Entwicklungsarbeit
in Bolivien spielt die Pustererin Ruth Volgger,
die seit über 10 Jahren in La Paz lebt und von
dort aus viele Projekte koordiniert. Sie war es
auch, die die „Soalschoft“ 2003 nach Titijoni
geholt hat. Das Entwicklungsprojekt in Titijoni
wird von ihr geleitet und umfasst auch die
gesunde Ausspeisung der Kinder, die Finanzierung
von Schulmaterialien und die Errichtung eines
Arbeitsraumes, in dem Koch- Näh- und
Ernährungskurse angeboten werden. Das Besondere:
Spendengelder und Patenschaften kommen bei
diesem Projekt der Dorfgemeinschaft zugute,
nicht etwa einem einzelnen Kind oder einer
Familie. Auch vom nächsten Projekt wird die
gesamte Dorfgemeinschaft profitieren: Eine
Trinkwasserleitung kann mit den Spendengeldern,
die bei der Benefizgala am 29. November in
Burgeis gesammelt wurden, errichtet werden.
Auf 3.700m Höhe stockt uns der Atem nicht nur ob
der ungewohnt bescheidenen Lebensbedingungen:
Wir spielen gegen die Kinder Fußball und machen
schnell schlapp. Gott sei Dank haben wir
genügend Austauschspieler. Beim Tanzen
wiederholt sich das Nach-Luft-Gejapse, die
Kinder drücken meine Hände so fest, eines links,
eines rechts, dass ich nicht aussetzen kann. Wir
laufen über den Fußballplatz und laufen und
drehen uns im Rhythmus der Blasmusik und ich
hoffe, dass auch die Kinder irgendwann müde
sind.

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